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"Hexen sind an allem schuld!"
Das Böse, das Bedrohliche, hatte einen Namen: das Weib. Verachtet und verteufelt von der Kirche, entmündigt und enteignet von Vätern und Gatten - Zeitalter der Umwälzung von der magisch-feudalen Gesellschaft zur pseudoaufgeklärten der Neuzeit mit ihren massenhaften und systematischen Hexenverbrennungen.
Rund 1600 Jahre nach Christi Geburt, tobte in Europa der Haß gegen weise Frauen und Naturbeherrscherinnen, gegen Hebammen und Huren, gegen Junge und Alte. Unerbittlich wurden sie von der Kirche diffamiert, verfolgt und schließlich als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Zahlen darüber, wieviele Hexen in Europa verbrannt wurden, gehen in der Forschung weit auseinander. In manchen Büchern wird von Millionen Opfern gesprochen. Bei anderen heißt es, In Deutschland seien 12 000 bis 15 000 Hexen ermordet worden, in ganz Europa etwa 100 000.
Die Hexenverbrennungen verliefen dabei in Wellen. Erstmals massenhaft in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts, nachdem der Hexenhammer (Malleus maleficarum) der Dominikanermönche Heinrich Institoris und Jakob Sprenger die Basis für eine systematische Ausmerzung der wilden Frauen und Hexen geliefert hatte. Die Hexenverfolgung schwoll an während der sogenannten kleinen Eiszeit ab 1560, als Hagelschläge ganze Ernten zunichte machten, Hungersnöte und Pest folgten.
Eines aber steht unumstößlich fest: Fast immer - in 90 Prozent aller Fälle - wurden Frauen verbrannt. Nur 10 Prozent waren männliche Opfer. "Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt, auch schneller den Glauben ableugnet, was die Grundlage für Hexerei ist" (Hexenhammer). Dieses naturverleugnende Menschenbild bezog sich deshalb fast ausschließlich auf Frauen, weil sie durch ihre Fähigkeit, Leben zu geben, das Sinnbild natürlichen Lebens sind. Männer konnten und können nicht nur nicht gebären, sie konnten diese angeborene Kraft auch nicht kontrollieren - im Gegensatz zu den Frauen selbst.
Die Geschichtsschreibung kennt viele Gründe für die Hexenverfolgung: das Erstarken einer - patriarchalischen - Kirche, soziale Umwälzungen und Hungersnöte, den aufklärerischen Haß gegen Naturkräfte. Und immer wieder den blinden Zorn gegen Frauen an sich, die Naturverbundenheit und Naturkraft verkörperten. Geheime Formeln, die Hexen bei ihren Ritualen murmelten, obskure Runenzeichen, mit denen sie Kranke bemalten, heilbringende Salben - das alles erschien in der Morgendämmerung des naturwissenschaftlichen Zeitalters als Teufelswerk. Als Gut und Böse auseinanderzuklaffen begannen, durfte niemand in engem Kontakt zu dunklen und hellen Mächten gleichzeitig stehen. Wer nicht nur an den einen Gott glaubte, buhlte mit dem Teufel. Es war wohl weniger der Wunsch der Geistlichen, verirrte Seele in den spröden Schoß der Mutter Kirche zurückzuwingen, als sinnliche Menschen, erdverbundene, wissende Frauen zumeist, auszumerzen. Die Frau als untergeordnetes Wesen, das den Verführungskünsten des Teufels nichts entgegenzusetzen hatte. Auf ewig schwört das schwache Weib dem Dämon Treue, verleugnet den christlichen Glauben, verhöhnt die allerheiligste Jungfrau Maria. Und tut Schlechtes. Die böse Frau schlachtet Kinder, verhext das Vieh, zaubert guten Christen unheilbare Krankheiten an, gestandene Männer überzieht sie mit Impotenz. Sie vernichtet die Ernten durch schlechtes Wetter. Nichts gab es, wozu die Hexe im Bündnis mit dem Teufel nicht fähig sei.
"Weint ein Weib, so sinnt es gewiß auf listige Tücke", Antworteten die Angeklagten auf die beiden Fangfragen (Hexenhammer) "Existiert der Teufel?, Existieren Hexen?" in höchster Not mit Nein, so bestand erst recht der dringende Verdacht auf Hexerei und Teufelsbund. Bei der Folter mußte nicht nur der Folterknecht sondern auch der Inquisitor und ein Vertreter der Kirche anwesend sein. Was sich dort abspielte, müssen die Inquisitoren auf eine schauerliche, sadistisch-erotische Art genossen haben. Es ergötzte sich so mancher Kirchendiener an dem abartigen Schauspiel. Vielleicht kämpfte er mit der Bestrafung der sündigen wilden Frau ein ums andere Mal das Zügellose in sich selber nieder.
Die Tortur der Folter begann üblicherweise indem man der - nackten, zumindest halbnackten - Frau die Daumenschrauben anlegte. Schwieg die vermeintliche Hexe daraufhin immer noch, wurden Schien- und Wadenbein in den Beinschrauben oder spanischen Stiefeln zersplittert. Die Frau war während der Folter geknebelt und konnte nicht schreien. Der nächste Schritt der Folterung war der Zug. Der Hexe wurden dabei die Hände an den Rücken gebunden und an einem Seil befestigt. Daraufhin zogen die Folterknechte das Seil in die Luft, ließen die Frau daran baumeln. War die vermeintliche Hexe noch immer nicht geständig, wurden Gewichte an die Füße gehängt, um die Qual zu erhöhen. Half auch diese Tortur nichts, träufelte der Inquisitor brennenden Schwefel oder brennendes Pech auf den nackten Körper. Müßig zu sagen, daß die Frauen unter dem Eindruck der Schmerzen irgendwann alles gestanden, was ihre Folterknechte zu hören wünschten. Um den Schmerzen endlich ein Ende zu bereiten, denunzierten die als Hexen beschuldigten weitere Opfer.
Es gab kaum ein Mittel, dem Verdacht der Hexerei zu entgehen. In der erbarmungslosen Jagd auf Hexen kam es zu makabren Ausschweifungen: 1629 wurde in Marburg ein Prozeß gegen ein siebenjähriges Mädchen geführt. Die Kleine hatte beim Spielen angegeben, sie könne zaubern. Im schwedischen Mora wurden 72 Frauen und fünfzehn Jugendliche zum Tode verurteilt. Ihr Prozeß basierte auf der Zeugenaussage vierjähriger Kinder.
Stand eine Frau erstmals im Ruf der Hexerei, gab es kein Entrinnen. Absurde Prozesse und Gottesurteile ergaben, ob die Frau schuldig war oder nicht - häufig starb sie in beiden Fällen. Bei der Wasserprobe wurde die Angeklagte mit zusammengebunden Händen und Füßen dreimal ins Wasser geworfen. Das ganze Dorf wachte darüber, ob sie unterging oder schwamm. Ging sie unter, war sie schuldig. Schwamm sie, kam sie auf den Scheiterhaufen. Vergoß sie während der Folter Tränen, stand sie im Ruf Mitleid erregen zu wollen. Weinte sie nicht, legten die Folterknechte ihr dies als zauberische Fähigkeit aus. Als unschuldig galt sie, wenn es ihr gelang, einen Ring aus einem Topf kochenden Wassers zu holen, ohne sich zu verletzen, mit einem wachsgetränkten Tuch durchs offene Feuer zu gehen, ohne daß Wachs vom Gewand tropfte.
Martin Luther hatte ebenfalls eine fürchterliche, lüsterne Vorstellung von Hexen. Er phantasierte sie sich zurecht als "Teufelshuren", die da.. .auf Böcken und Besen reiten... Kinder in der Wiege martern, die ehelichen Gliedmaßen bezaubern.. und die Leute zur Liebe und Buhlschaft zwingen und des Teufels Dinge viel".
Also landeten die Frauen auf dem Scheiterhaufen, vor aller Augen. Ein probates Mittel, Untertanen und Gläubige abzuschrecken und zu disziplinieren - und auf perverse Weise zu belustigen. Das ganze Dorf sah zu, wie der Henker die Angeklagten auf einen Holzhaufen zerrte. Dort band er sie auf einem Holzstuhl fest. Der Scharfrichter entzündete Pechfackeln und steckte das dürre Reisig in Brand. Unter das Prasseln des Feuers mischten sich die erregten Rufe aus der Menge und das leiser werdende Schreien und Husten der Brennenden.
1684 Letzte Hexenhinrichtung in England. 1745 Letzte Hinrichtung in Frankreich. 1775 Letzte Hinrichtung in Deutschland. Im Stift Kempten wird wegen erwiesener Teufelsbuhlschaft eine Hexe hingerichtet, die letzte auf deutschem Boden. 1782 Letzte Hinrichtung im schweizerischen Glaros. 1790-92 Llorente, Sekretär der Inquisition von Madrid, schreibt "Geschichte der Inquisition" und gibt die Zahl der Todesopfer mit 30.000 an. 1792 Letzte Hinrichtung in Polen.
Der Hexenhammer wurde bis 1669 in verschiedenen Sprachen 29 mal aufgelegt
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